Francisco, Promotionsstudent (Mexiko)

„Freundschaften sind den Deutschen sehr wichtig.“

Ihr Urgroßvater ist von Deutschland nach Mexiko ausgewandert. Ihr Weg nach Deutschland ist für Sie daher auch die Begegnung mit den eigenen Wurzeln. Sind die Deutschen so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Freunde von mir in Mexiko haben immer gesagt, die Deutschen seien wie eine Tafel Schokolade: „quadratisch, praktisch, gut“ – also sehr vernunftgesteuert, diszipliniert und zielstrebig. Hier in Deutschland habe ich gelernt, dass sie viel mehr sind als das. Zum Beispiel stimmt es zwar, dass es in Deutschland viele Regeln gibt, aber ich war überrascht, dass viele sie nicht immer ganz so genau nehmen. Als ich gerade erst in Deutschland angekommen bin, hatte ich einen kleineren Zusammenstoß mit einem Auto. Ich dachte, jetzt ruft der Fahrer direkt die Polizei. Aber er hat mich zum Kaffee eingeladen und mir geraten, dass ich demnächst beim Abbiegen besser aufpasse. Die kleinen Kratzer an seinem Wagen fand er nicht weiter schlimm.

Und wie erleben Sie die Menschen sonst im Alltag?

Anfangs musste ich auf die Leute zugehen und einiges tun, um Kontakte zu bekommen. Aber ich konnte sehr gute Freundschaften aufbauen, die den Deutschen selbst auch sehr wichtig sind. Meine Freunde hier sind wirklich für mich da. Ein Freund hat mir zum Beispiel sehr beim Umzug geholfen: Er wusste, dass ich keinen Führerschein habe. Also hat er das Umzugsauto gefahren und mir auch beim Schleppen geholfen. Die Hilfsbereitschaft beschränkt sich nicht nur auf den engsten Freundeskreis. Einmal war ich krank und hatte meinen Arbeitskollegen angerufen, um mich zu entschuldigen. Er hat mir sofort angeboten, mich zum Arzt zu fahren. Auch nach dem Arztbesuch hat er sich noch sehr darum gekümmert, dass es mir gut geht.

Sie haben zwar deutsche Vorfahren, sind aber in Mexiko geboren und aufgewachsen. Was haben Sie von dort für Traditionen und Stärken mitgebracht?

(Lacht) Eigentlich habe ich mich schon ziemlich angepasst. Ich mag inzwischen sogar dunkles Brot, was ich als Kind überhaupt nicht mochte. Aber im Ernst: Viele verknüpfen Mexiko mit einer großen Feierkultur, mit Wüste und Siesta. Ich glaube, ich konnte meinem Umfeld hier etwas typisch Mexikanisches zeigen, das die Deutschen überrascht: Wir haben eine etwas andere Art, Aufgaben anzugehen. Es kommt sehr selten vor dass wir sagen, „nein, das kann ich nicht, ich weiß nicht, wie das geht“. Erst einmal sagen wir „ja klar, das mache ich“. Und dann suchen wir nach Wegen, wie wir die Aufgabe lösen können. Bei meiner Promotion hilft mir das oft. In meiner Forschungsgruppe kann zum Beispiel auch mal ein Gerät kaputt gehen. Da hilft mir dann mein Improvisationsgeist, schnell zu reagieren und so das Experiment zu retten.

Welchen Ruf hat Deutschland als Standort für Wissenschaft und Forschung in Ihrem Herkunftsland?

In Mexiko galt es immer als Referenz, wenn etwas nach deutschen Standards entwickelt wurde. Das übertragen wir natürlich auch auf die Wissenschaft in Deutschland. Hier habe ich festgestellt, dass die Deutschen in der Forschung genauso sind wie in anderen Lebensbereichen: Sie bilden sich erst ein eigenes Urteil über etwas, wenn sie genug Informationen gesammelt haben. In der Forschung heißt das, sie gehen erst mit dem Ergebnis eines Forschungsprojekts an die Öffentlichkeit, wenn sie es mit einer Reihe von Experimenten auch wirklich gründlich überprüft und zu Ende geführt haben. Das macht Deutschland für mich als Studienort sehr attraktiv.

Sehen das viele in Mexiko so?

Ich kenne viele, die Deutschland als Studienort inzwischen mehr interessiert als die USA, trotz der Nähe und der Sprache. Das hat stark mit der WM 2006 zu tun. Viele waren hier in Deutschland und hatten eine tolle Zeit. Die Menschen waren alle supernett, gelassen und freundlich. Es war der zweite öffentliche Auftritt Deutschlands in der Welt – knapp 20 Jahre nach der Wende hatte sich hier wieder etwas getan. Für viele junge Mexikanerinnen und Mexikaner war das ein Grund, sich für Deutschland zu entscheiden.

Sie sagen, in Deutschland stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis? Was meinen Sie damit?

Auf der einen Seite hat ein Studium in Deutschland viel zu bieten, etwa gewisse Sicherheiten und auch viele Freiheiten. Die Sozialversicherungen kosten für Studierende nicht viel und bieten zum Beispiel eine umfassende ärztliche Versorgung. Gleichzeitig haben Studierende in den Semesterferien relativ viel Zeit. Sie können dann bestimmte Schwerpunkte im Studium vertiefen oder interessante Praktika machen. Und die Auswahl beim Lehrangebot ist sehr groß: Ich kann in Berlin unter den naturwissenschaftlichen Veranstaltungen von gleich drei Unis wählen. All diesen Vorteilen stehen auf der anderen Seite vergleichsweise geringe Ausgaben gegenüber: Zum Beispiel kostet das Studium selbst relativ wenig. Unterm Strich zahle ich in Deutschland für Leben und Studieren so viel wie ich in Mexiko an Gebühren für eine Privatuniversität ausgegeben hätte.

Wie hat es Sie als Person geprägt, sich allein in einem neuen Land zurechtzufinden?

Der Schritt nach Deutschland war für mich eine gute Möglichkeit, etwas anderes zu machen. In Mexiko hätte ich während des Studiums bei meinen Eltern gewohnt, da alleine Wohnen zu teuer ist. So aber, in einer eigenen Wohnung weit weg von zu Hause, habe ich gelernt, für mich selbst verantwortlich zu sein. Mein Bruder sagt immer „zu Hause ist die Toilettenpapierrolle unendlich lang“. In der eigenen Wohnung ist sie eben auch mal zu Ende und der Kühlschrank bleibt leer, wenn ich mich nicht drum kümmere. Es sind diese kleinen Dinge, die ich durch das Alleinleben schätzen gelernt habe. Diese Selbstständigkeit ist in Deutschland schon für junge Leute Teil der Kultur. Sie ziehen so früh wie möglich aus dem Elternhaus aus. Für mich war das eine gute Erfahrung. Inzwischen wohne ich aber mit meiner Freundin zusammen.

Sehen Sie beide Ihre Zukunft in Deutschland?

Ob wir hier bleiben werden, wissen wir noch nicht. Unsere Familien unterstützen uns bei unserer Auslandserfahrung, aber natürlich fehlen sie uns auch. Das Arbeitsumfeld hier ist allerdings für uns beide sehr gut. Ich habe gute Chancen auf eine Arbeit. Meine Freundin fühlt sich wohl in ihrem Job als Grafikdesignerin. Ihre Arbeit wird sehr geschätzt. Wir werden sehen, welche Möglichkeiten es für uns gibt und uns dann entscheiden.

Jobbörse

Suchen Sie hier nach offenen Stellen. mehr

Deutschland vor Ort

Suchen Sie Ansprechpartner in Ihrem Land. mehr